Die Tänzerin
12. Dezember 2007 von Kerstin
Vor ein paar Wochen tanzte diese Dame durch die Blogosphäre. In vielen Blogs wurde darüber diskutiert, ob sie sich denn nun links- oder rechtsherum dreht (kommt drauf an…), ob die Drehrichtung bewusst beeinflussbar ist (viele Menschen können das), oder ob es sich gar um einen Fake handelt und die Animation selbst von Zeit zu Zeit die Drehrichtung ändert (tut sie nicht). Zusammen mit der Tänzerin geisterten auch die Thesen des Hemisphären-Modells durchs Netz, wonach die vom Betrachter jeweils wahrgenommene Drehrichtung die Dominanz der linken bzw. rechten Gehirnhälfte zeigen soll. Wer die Drehung im Uhrzeigersinn sieht (Dominanz der rechten Hirnhälfte), sei ein “intuitiv-kreativer Typ”. Bei Drehung gegen den Uhrzeigersinn (Dominanz der linken Hirnhälfte) winkt das Etikett “analytisch-rationaler Typ”. Verblüffend, wie einfach und unterhaltsam psychologische Diagnostik doch sein kann, oder?
Nur ist es mit dem Hemisphären-Modell so, wie mit einigen anderen beliebten Psycho-Typologien auch: Was einfach, bunt und irgendwie plausibel daher kommt, avanciert schnell zum populären Modell. Wenn man Menschen damit auch noch schnell und einfach nach verschiedenen Typen etikettieren und in Schubladen verpacken kann, lässt sich damit sogar richtig viel Geld verdienen. Den wenigsten interessierten Laien ist bekannt, dass das Hemisphären-Modell komplexe Zusammenhänge zugunsten der populärwissenschaftlichen Nutzung extrem vereinfachend darstellt und darüber hinaus seit längerer Zeit widerlegt ist. So schreibt Dr. Christian Scheier in seinem Artikel über Neuromarketing:
So gilt beispielsweise das in der Marketingliteratur noch immer sehr populäre Hemisphären-Modell, wonach das linke Hirn für die logische und das rechte Hirn für die emotionale Verarbeitung von Information zuständig ist, schon lange als widerlegt. Man kann Menschen eine Hirnhälfte komplett entfernen (z.B. bei schweren Fällen von Epilepsie), ohne dass sie dadurch rein „logische“ oder rein „emotionale“ Wesen würden.
Emotion und Kognition sind nicht klar trennbar, sondern in funktionalen Netzwerken eng mit einander verknüpft. So sind beispielsweise Hirnstrukturen, die für das Gedächtnis von zentraler Bedeutung sind (z.B. der so genannte Hippocampus), komplett verzahnt mit Strukturen, die für die emotionale Verarbeitung mitverantwortlich sind (z.B. die so genannte Amygdala).
Abgesehen davon stand die Figur ursprünglich in gar keinem Zusammenhang mit dem Hemisphären-Modell. Die Animation ist eine sehr schön gemachte optische Täuschung von Nobuyuki Kayahara. Beim Daily Telegraph tauchte die Figur dann im Oktober 2007 ohne Nennung des Urhebers mit dem spektakulären Titel “The Right Brain vs Left Brain test” auf. Auf der Website von Prof. Dr. Michael Bach (Lehrstuhl für funktionelle Sehforschung, Uniklinik Freiburg) finden sich diese und andere interessante Hintergrundinfos zur Tänzerin, außerdem eine sehenswerte Sammlung optischer Täuschungen. Wem jetzt noch nicht schwindelig genug ist, findet bei eChalk interaktive optische Täuschungen zur Farbwahrnehmung.