Ausgeschlafen?
16. August 2006 von Kerstin
Schlafen ist schön. Ich schlafe gern lang und ausgiebig, wenn die Welt um mich herum es gerade mal zulässt. Denn lange schlafen ist ja im normalen Berufsleben in der Regel von Montags bis Freitags nicht drin. Außerdem sind Langschläfer nicht gerade hoch angesehen. Wer viel schläft, morgens schlecht aus dem Bett kommt, und wichtige Termine nicht vor 10 Uhr starten möchte, gilt schnell als faule Socke. Mitfühlende Kollegen, die an sieben Tagen in der Woche vor 6 Uhr und ohne Wecker auf die Füße kommen, behandeln mich hingegen mit wohlwollend besorgter Anteilnahme, wenn ich mich morgens halbblind Richtung Kaffeemaschine durch den Büroflur schleppe (”Das ist ja schlimm! Kann man da denn nichts gegen machen?”). Nun, eigentlich nicht. Natürlich kann und muss man sich den aktuellen gesellschaftlichen Zeitrhythmen unterwerfen und anfallende Schlafdefizite an freien Tagen kompensieren, keine Frage. Was mich aber wirklich nervt, ist vielmehr die niemals in Frage gestellte Früh-Mentalität als geltender Maßstab, die sich durch alle Bereiche des öffentlichen Lebens zieht, und die damit einhergehende Abwertung des Andersseins.
Nun tragen Schlafforscher zur Rehabilitierung von Nachteulen und Mittagsfrühstückern bei. In dem lesenswerten Artikel “Das Leben im Zeitraum Tag” stellen Till Roenneberg und Martha Merrow neben den angeborenen Schlaftypen “Lerche” und “Eule” auch viele spannende Befunde aus der Schlafforschung vor. Damit nicht genug: Chronobiologe Christoph Randler schlägt im Interview mit Spiegel Online einen späteren Schulbeginn vor, um die schulischen Nachteile für Spättypen, zu denen die meisten schulpflichtigen Jugendlichen gehören, zu mildern. Das stößt bei den Kultusministerien zwar wie befürchtet auf wenig Interesse, zeigt aber zumindest die vage entfernte Möglichkeit eines gesellschaftlichen Umdenkens zugunsten höherer Leistungsfähigkeit und Lebensqualität auf.
Wer mag, kann mit einem kostenlosen Test der Uni München seinen eigenen Schlaftyp bestimmen lassen.
Ich gehöre wohl auch eher zum Spättyp.
Um sich dem Rhythmus der Welt zumindest ein Bisschen anzunähern, lasse ich die Schlafzimmerjalousie jetzt offen. Auf diese Weise fährt der innere Motor mit dem aufkommenden Tageslicht gegenüber “künstlicher Dunkelheit” vor dem Aufwachen schon viel weiter hoch.
Mir hilfts jedenfalls beim Aufstehen …